Neues vom Leser.

Freitag, 30. November 2007

Literarische Perversion.

Anekdoten aus einer liebenswerten Stadt.

An der Kasse einer Buchhandlung konnte ich aus den Augenwinkeln eine kopfschüttelnde Person (weiblich) erblicken, die mir über die Schulter schaute. Nachdem ich meine Einkäufe (A. Burgess: "Die Uhrwerk-Orange" - ich bin gespannt auf die neue Übersetzung -, Ch. Bukowski: "Hot Water Music", M. Houellebecq: "Gegen die Welt, gegen das Leben") bezahlt und in ein schmuckes Täschchen gesteckt hatte, verließ ich den Laden.
Die Dame holte mich ein, als ich gerade in meinen Taschen nach der Zigarettenpackung kramte: "Entschuldigen Sie bitte..."
"Hm?!?"
"Ich meine es geht mich ja nichts an ... aber die Bücher, die sie eben gekauft haben ..."
"Ja?"
"Burgess und Bukowski ... der Andere sagte mir nichts ..."
"Houellebecq." (Bei Gott, ich bin mir sicher, dass ich den Namen falsch aussprach.)
"Ja ... entschuldigen Sie bitte, aber ... sind Sie pervers?"

Mein Gesichtsausdruck muss Gold wert gewesen sein. Gerne hätte ich Shakespeare, Poe oder meinetwegen auch Böll rezitiert, jedoch fiel mir auf die Schnelle nichts passendes ein. Also zündete ich meine Zigarette an und blickte zu Boden: "Ja!"






Letzte Anmerkung:
Herrgottnochmal, was für Vögel laufen in dieser Stadt eigentlich frei rum? Egal, im Nachhinein habe ich mich amüsiert.


Mittwoch, 16. Mai 2007

Im Mai, im Mai schrie der Kuckuck.

»Hingehen sollen die heroisch verstummten einsamen Dichter und lernen, wie man einen Schuh macht, einen Fisch fängt und ein Dach dichtet, denn ihr ganzes Getu ist Geschwätz, qualvoll, blutig, verzweifelt, ist Geschwätz vor den Mainächten, vor dem Kuckucksschrei, vor den wahren Vokabeln der Welt. Denn wer unter uns, wer dann, ach, wer weiß einen Reim auf das Röcheln einer zerschossenen Lunge, einen Reim auf einen Hinrichtungsschrei, wer kennt das Versmaß für das Gebell der Maschinengewehre, eine Vokabel für den frisch verstummten Schrei eines toten Pferdeauges, in dem sich kein Himmel mehr spiegelt und nicht mal die brennenden Dörfer, welche Druckerei hat ein Zeichen für das Rostrot der Güterwagen, dieses Weltbrandrot, dieses ausgetrocknete blutigverkrustete Rot auf weißer menschlicher Haut? Geht nach Hause, Dichter, geht in die Wälder, fangt Fische, schlagt Holz und tut eure heroische Tat: Verschweigt!
Verschweigt den Kuckucksschrei eures einsamen Herzens, denn es gibt keinen Reim und kein Versmaß dafür, und kein Drama, keine Ode und kein psychologischer Roman hält den Kuckucksschrei aus, und kein Lexikon und keine Druckerei hat Vokabel oder Zeichen für deine wortlose Weltwut, für deine Schmerzlust, für dein Liebesleid.
Denn wir sind wohl eingeschlafen unter dem Knistern geborstener Häuser (ach, Dichter, für das Seufzen sterbender Häuser fehlt dir jede Vokabel!), eingeschlafen sind wir unter dem Gebrüll der Granaten (welche Druckerei hat ein Zeichen für dieses metallische Geschrei?), und wir schliefen ein bei dem Gestöhn der Sträflinge und der vergewaltigten Mädchen (wer weiß einen Reim darauf, wer weiß einen Rhythmus?) - aber hochgejagt wurden wir in den Mainächten von der stummen Qual unserer Fremdlingsherzen hier auf der Frühlingswelt, denn nur der Kuckuck weiß eine Vokabel für all seine mutterlose Not. Und uns bleibt allein die heroische Tat, die Abenteuertat: Unser einsames Schweigen. Denn für das grandiose Gebrüll dieser Welt und für ihre höllische Stille fehlen uns die armseligsten Vokabeln. Alles, was wir tun können, ist: Addieren, die Summe versammeln, aufzählen, notieren.
Aber diesen tollkühnen sinnlosen Mut zu einem Buch müssen wir haben! Wir wollen unsere Not notieren, mit zitternden Händen vielleicht, wir wollen sie in Stein, Tinte oder Noten vor uns hinstellen, in unerhörten Farben, in einmaliger Perspektive, addiert, zusammengezählt und angehäuft, und das gibt dann ein Buch von zweihundert Seiten. Aber es wird nicht mehr drin stehn als ein ein paar Glossen, Anmerkungen, Notizen, spärlich erläutert, niemals erklärt, denn die zweihundert bedruckten Seiten sind nur ein Kommentar zu den zwanzigtausend unsichtbaren Seiten, zu den Sisyphusseiten, aus denen unser Leben besteht, für die wir Vokabel, Grammatik und Zeichen nicht kennen. Aber auf diesen zwanzigtausend unsichtbaren Seiten unseres Buches steht die groteske Ode, das lächerliche Epos, der nüchternste verwunschenste aller Romane: Unsere verrückte kugelige Welt, unser zuckendes Herz, unser Leben! Das ist das Buch unserer wahnsinnigen dreisten bangen Einsamkeit auf nachttoten Straßen.«

Wolfgang Borchert, "Im Mai, im Mai schrie der Kuckuck",
aus "Wolfgang Borchert - Das Gesamtwerk", 8. Auflage,
Rowohlt Verlag GmbH 2oo6.


Beko:
Wolfgang Borchert. Wer wurde während seiner Schulzeit nicht mit ihm und seiner Kurzgeschichte "Nachts schlafen die Ratten doch" konfrontiert? Zu Recht.
Einer der berühmtesten und besten Autoren der sogenannten "Trümmerlitaratur"; der Junge, der lediglich 26 Jahre alt wurde. Ein großartiger Schriftsteller, dessen vollständige Werk gerade mal ein Buch füllen. Trauer und Wut, Leid und Zerstörung, Krieg und Verlust - die zentralen Themen seiner Werke.
Wer Borchert nicht liest, kann nicht verstehen, wie sich Leid anfühlt.


Samstag, 14. April 2007

Wo die wilden Maden graben.

»Du gehörst hier nicht hin, in diese Welt. Du bist nicht bereit dafür. Nicht bereit für die Geburtstagsfeierunterhaltungen. Nicht bereit für den Overload an Verwandschaft. In Dir verkrampft sich alles. Es ist beklemmend. wie ersticken. Du hast Dich immer wie stranguliert gefühlt, an diesen langen grauen öden Samstagnachmittagen als Kind, wo zwischen Kaffee und Kuchen und endlich, endlich Heimfahrt die Pflicht bestand, dir unangenehme Fragen von Onkels und Tanten und langeweilige Spiele mit den doofen Cousinen gefallen zu lassen.
Jetzt sitzen sie da, nicht alle, nur ein paar, aber das reicht. Sie lassen sich nichts anmerken, verhalten sich, als sei es ganz normal, dass du plötzlich neben ihnen sitzt. Dennoch fühlst du dich beobachtet. Du kennst sie noch, hast sie aber Jahre nicht gesehen. Du willst sie auch nicht sehen. Als du fünfzehn warst, hast du dir gedacht, dass jeder von denen nach starker Hand und Arbeitslager schreit, wenn er euch Punks in der Stadt rumhängen sieht. Die wollten euch doch am liebsten alle vergasen. Diese Erkenntnis war für dich ein spitze Vorwand, endlich mit gutem Gewissen alles abzubrechen. Und jetzt sitzt ihr hier zusammen und sie geben sich Mühe, nett zu sein.
Und nichts ist mehr schwarzweiß.
(...)
Alkohol ist der Stoff, der hier alles zusammenhält. Wie überall anders auch.
Du führst dein Glas schon mechanisch an den Mund. Kostest jeden Schluck voll aus. Du willst so wenig sprechen wie irgend möglich.
Und wie oft Du heute schon aufs Klo gerannt bist! Sitzt einfach da auf der Klobrille und starrst die Regale an. Du hast hier mal gewohnt. Es sieht hier immer noch so aus, wie vor fünfzehn Jahren. Glaubst Du jedenfalls. Da draußen hinterm Haus hast du deine Kindheit verbracht. Zu der Zeit standen dort noch keine Häuser. Nur Wiesen, Felder, ein paar Pferde. Der Wald, in dem ihr Hütten gebaut habt. Die Maisfelder, in denen du zum ersten Mal geraucht hast. Seltsam, du kannst dich kaum dran erinnern. Du denkst an Fotoalben, und einiges fällt dir wieder ein. Aber das meiste ist weg, unwiederruflich gelöscht.
(...)
Shiny Happy People. Kreidefresser. Seifenblasentrinker. John Lennons warme Waffe: Lächeln lächeln lächeln.
Es ist völlig surreal, dass du hier mal gelebt haben sollst. Wie ein Film, den du einst im Kino gesehen und längst vergessen hast. Du fühlst dich wie ein Eindringling. Wie ein Alien von einem anderen Stern. Du hast Tränen in den Augen. Wenn du nicht wüsstest, dass ihr heute Abend noch probt, würde dir auf der Stelle der Kopf platzen. Du willst zu deinen Jungs in den Proberaum und Krach machen. Oder auf Tour fahren. Einfach in Bewegung sein. Keine Wurzeln haben.
Und du willst nicht mal die Ruhe stören. Du willst nur einfach nicht dazugehören.«


Nagel, "Wo die wilden Maden graben"
Ventil Verlag 2oo7.


Beko:
Das ich viel lese, ist bekannt. Aber selten hat mich ein Buch derart begeistert, wie "Wo die wilden Maden graben" vom Muff Potter-Gitarristen und -sänger Nagel. Schon lange her, dass ich ein Buch innerhalb eines Tages durchlas.
Muff Potter haben sich vielleicht zur wichtigsten Band meines Lebens avanciert, auf jeden Fall schallten in den letzten vier Jahren vergleichsweise wohl kaum so viele Lieder einer anderen Band durch die Boxen meiner Anlage, durch die Kopfhörer meines Walkman oder MP3-Players.
Ich kenne sie seit den späten 90ern und habe mich - ich erinnere an die Dorfhölle, aus der ich stamme; ich berichtete mehrmals an anderer Stelle in diesem Blog - immer mehr in ihren Songs wiedergefunden: I ♥ Fahrtwind, Vom Streichholz und den Motten, Auf der Bordsteinkante nachts um halb eins, Antifamilia,... - alles sprach dieselbe Sprache, jene meines Geistes und Gefühls: Irgendwie nur raus. Weg von dem.

Ein fantastisches Buch. Würde man soweit gehen, es als Tourtagebuch zu bezeichnen (was es nicht ist ... es ist und bleibt ein Roman, wenngleich wohl sehr authentisch), so würde ich es als bestes Tourtagebuch nach "Get in the van: On the road with Black Flag" bezeichnen, knapp vor "Wir könnten gute Freunde werden - Die Tocotronic Tourtagebücher" von Thees Uhlmann.
Kaufen, lesen, mögen, wieder lesen, lieben.


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God damn it.
Der Kerl heißt ja "McClane" und nicht "McLane". :(
Lone - 21. Feb, 17:45
Heiliger Shice!
Lone - 21. Feb, 15:13
öööööhm?
Wie war das gedacht mit einem Beitrag wöchentlich?...
Lone - 25. Dez, 15:58


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